Über die Vorzüge eines müden Blicks

Blätterschatten (Individuell)Jetzt, wenn es mitten am Nachmittag schon wieder dunkel ist und manche Tage ganz in Müdigkeit zu versinken drohen, will ich sie anpreisen: Eine bestimmte Art von Müdigkeit. Nicht die pure Erschöpfung, wenn man sich ausgelaugt fühlt, nur noch auf das Sofa sinken will, um vor sich hin stieren. Wenn man schon gar nicht mehr blicken kann, höchstens nach innen.

Peter Handke hat mich in seinem „Versuch über die Müdigkeit“ auf eine andere Art des Blickens aufmerksam gemacht. Die hat für mich etwas Humorvolles, weil sie sich nicht dem Diktat der ständigen Munterkeit und Unermüdlichkeit unterzieht. Vielmehr genießt sie den Moment und dabei die vielen, beachtenswerten Details des Lebens und sogar die wunderbare Verbundenheit mit Menschen, die einem völlig fremd sind. Ein Erlebnis hat ihn besonders auf die Vorzüge einen müden Blicks aufmerksam gemacht.

Peter Handke beschreibt, wie er einmal von Anchorage in Alaska nach New York flog. Es war ein langwieriger Flug, mit einem Start lange nach Mitternacht aus der Stadt mit den hochaufragenden Eisschollen, einer Zwischenlandung im Morgengrauen bei Schneetreiben in Edmonton/Kananda, einer weiteren Zwischenlandung mit Kreisen in der Warteschleife in der grellen Vormittagssonne von Chicago und der Landung weit außerhalb von New York an einem stickigen Nachmittag. „Endlich im Hotel, wollte ich mich sofort schlafenlegen, wie krank – von der Welt abgeschnitten – nach der Nacht ohne Schlaf, Luft und Bewegung.“ Doch was macht er stattdessen? Er entdeckt unten die Straßen am Central Park und es zog ihn hinaus. „Ich setzte mich auf einer Caféterrasse in die Sonne, nah am Getöse und an den Benzinschwaden, noch immer benommen, ja im Innern in ein beängstigendes Wanken gebracht von meiner Übernächtigkeit.“ Und genau da, in dem Straßencafé, machte die Bedrängnis einer angenehmen Müdigkeit Platz. Er hörte auf, dagegen anzukämpfen und erlebte sie, die Müdigkeit nun als seinen Freund – eigentlich, es heißt ja „die“ Müdigkeit, seine Freundin!

Und da saß er dann, stundenlang, bis in den Abend hinein, „nichts mehr als sitzen und schauen“. „Du sitzt und atmest im Licht der Müdigkeit jetzt beiläufig richtig.“ Wie überhaupt alles richtig zu sein scheint in diesen Stunden. Nicht nur das Atmen. Blicke trafen sich, die Vorübergehenden, die er müde betrachtete, lächelten zurück, als hätte er alleine übers müde Betrachten etwas getan, eingegriffen in das rastlose Gehen der Anderen. Alles erschien ihm dabei schöner, freundlicher, inniger. Als würde davon eine Ruhe ausgehen, die sich auch auf andere überträgt. Sogar ein Frieden. Denn solche müden Blicke sind entwaffnend, weil sie mildernd wirken, unaufgeregt, entspannt. Aber nicht nur die Anderen nahm er anders wahr, auch jede Menge Details am Straßenrand, das aus dem Parkwald wirbelnde Laub, eine Nelke in einem Knopfloch, das Licht, das auf jemanden fiel, und ganz besonders die einzelnen Vorübergehenden und „jeden von uns mit dem Himmel zu seinen Häupten“.

Demnach hätte der müde Blick etwas Magisches, etwas Friedliches, gar Heilendes, Verbindendes. Ohne sprechen zu müssen, fühlte sich Handke in einem beredten Kontakt mit den Menschen um sich herum, als würden sich alle wortlos, im Schweigen ohne Probleme verständigen. Als wären alle am Großen und Ganzen dieser Welt miteinander verbunden.

Ach, da wünsche ich mir doch alle Menschen müde.

Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit, Frankfurt am Main, (5. Auflage) 1991, S. 50ff.


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