„Juxfriedhof“

Kreuze6-2 (Individuell)„Unter diesem Rasen
liegt die versoffene
Kupferschmid
Nasen“

Eine Inschrift auf einem Marterl. So nennt man die Grabkreuze in Österreich. In Kramsach, einem Ort zwischen Innsbruck und Kufstein, gibt es einen Museumsfriedhof. Hier werden Marterl mit lauter witzigen, humorvollen, auch skurilen Sprüchen gesammelt. Tote liegen hier allerdings keine begraben.


Wanderer, steh still und weine, hier ruhen meine Gebeine. Ich wollt, es wären deine.

Christ steh still und bet a bissl. Hier liegt der Bauer Jakob Nissl. Zu schwer musste er büßen hier, er starb an selbstgebrautem Bier.

Hier schweigt Johanna Vogelsang, sie zwitscherte ihr Leben lang.

Man soll doch nicht schlecht über Tote reden, oder? Und dann gleich so? Und so bildhaft. Dass die Verstorbenen wieder ganz lebendig werden.

Sammlungen von scherzhaften Grabinschriften gab es bereits seit Anfang des 17. Jahrhunderts, wie die Wissenschaftlerin Alina Timofte in Ihrem Buch feststellt: „Der letzte Kracher: Komik in der Sepulkralkultur“*. Der Leiter des Museumsfriedhofs, Hans Guggenberger, meint, dass die Leute früher eben ehrlicher gewesen seien. Als er angefangen hatte, die Marterl zu sammeln und auszustellen, wollten Kirche und Denkmalamt durchaus gleich wieder schließen. Man hatte ihm sogar vorgeworfen, die Sprüche selbst erfunden zu haben. Aber es sind keine Fakekreuze, keines der 70 aus über 500 Jahren. Man sei halt ehrlicher gewesen, meint er in einem Interview mit der taz. http://www.taz.de/Museumsfriedhof-in-Tirol/!5545620/

Inzwischen erhält er von überall Kreuze und restauriert sie aufwendig. Attraktiv ist das Museum auch geworden. Bald 200 000 Leute kommen jährlich.

Mir gefällt das sehr gut. Denn ich finde, es handelt sich um Humor und nicht um Spott. Wir sind doch schließlich alle komisch, haben merkwürdige Seiten, Vorlieben, Ticks, Verhaltensformen … an die sich die Nachwelt vermutlich besser erinnert als an all das Edle. Das es ja auch gibt bzw. dann gab. Aber nicht nur deshalb sind wir liebenswert. Auch wegen all dem anderen. Dem Komischen halt. Wie wäre es, schon zu Lebzeiten selbst einen Sspruch über sich zu dichten? Das wäre dann sehr humorvoll: Noch im Tod über sich lachen zu können. Au ja!

Aufigschtiegn
obagfalln
hingwösn

*2015. „Der letzte Lacher. Komik in der Sepulkralkultur“. In: Uta Schaffers, Hajo Diekmannshenke u. Stefan Neuhaus (Hrsg.): Das Komische in der Kultur, Tectum: Marburg (= Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik), S. 483-498.

 


5 Gedanken zu “„Juxfriedhof“

  1. Ich bekam schon vor Jahren 2 wunderbare Bändchen geschenkt:
    „Hier liegen meine Gebeine, ich wollt‘ es wären Deine – Grabinschriften für alle Fälle“ (1996)
    und
    „Die Welt ist ganz und gar verdorben, ich bin an einem Lebkuchen gestorben – Grabinschriften für alle Fälle – Band II“ (1997)
    beide herausgegeben und gesammelt von Enno Hansing,
    erschienen im Verlag Peter Kurze Bremen.
    Wenn Du interessiert bist, kann ich sie Dir gern mal ausleihen.
    Sei umarmt, Hiltrud

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