Würden Sie diese Frau wählen?

Gastbeitrag aus Anlass des 100.  Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland (für: https://www.frauen-netzwerken.de/blog/)

EngelbergGespräch_2018 (29) (Individuell)

100 Jahre Frauenwohlrecht, äh Frauenwahlrecht!
Das isch super, gell!
Darüber freue ich mich auch im Schwäbischen, obwohl: Im aktuellen Landtag in Stuttgart sind bloß 24,5 Prozent der Abgeordneten Frauen. Bei 52 Prozent der Bevölkerung. Und ich bin eine davon. Aber bin ich jetzt nicht einmal halb vertreten?

Und wie kann es überhaupt sein, dass Frauen erst seit 100 Jahre das Wahlrecht haben? Wo’s doch immer schon Frauen gegeben hat!

Wenn ich mich mal vorstellen darf, mein Name ist Seibold, Adele. Ich schwätz Schwäbisch, aber wenn ich was schreibe, kann ich sogar beinahe Hochdeutsch. Ich bin – gefühlt – schon seit mindestens 100 Jahren bei uns im Frauenkreis. Der Frauenkreis ist sozusagen meine Heimat. Über den Frauenkreis und über die Kirche bin ich, ob Sie’s glauben oder nicht, zur Emanze geworden, im Widerstand allerdings. Sagt doch der Herr Pfarrer vor Jahren mal zu mir, weil ich immer so viel mitarbeite, Socken strick, Kuchen back, Einladungen verteile, die Gemeindebücherei schmeiß‘, Geburtstagsbesuche mach‘, ich sei ein guter „Mitarbeiter“. Sie, da verstehe ich keinen Spaß. Zuerst habe ich nichts gesagt, bloß geguckt. Aber dann kam es aus mir heraus: „Jetzt sparet Sie auch noch an den Buchstaben! Und je höher man zur Kirchenleitung guckt, desto mehr wird da überhaupt an Frauen gespart! Dabei, wenn wir Frauen nicht mehr wären, dann könntet Sie den Laden dicht machen“.

Trotzdem: Wir stricken immer noch Socken! Die jungen Frauen stricken sogar auch wieder, hätte ich nicht gedacht. Aber die stricken Mäntel für Bäume, umhäkeln Laternen oder Bauzäune. Und die treffen sich nicht im „Sockenclub“, sondern im Café Wolllust. Wir trinken Filterkaffee, dort gibt es Cappuccino. Jetzt habet wir uns verabredet, zum intergenerativen Stricken. Und wissen Sie was: Wir reden über Feminismus, warum es wichtig ist, Feministin und auch Feminist zu sein. Denn Wahlrecht hin oder her: Sind die Geschlechter etwa gleichberechtigt, verdienen alle gleichviel bei gleicher Arbeit, können alle Arbeit und Freizeit gut miteinander kombinieren? Ha? Von wegen! Also!

Wir haben uns jetzt verabredet, eine Gendertorte zu backen. Riesig und bunt. Mir lasset uns doch nicht abspeisen mit so einem Stückle altbackenem Kuchen!Nein! Und die Stückle, die teilen jetzt wir auf!
– Nur, wie gesagt, 24,5 Prozent Frauen im schwäbischen Landtag, in Stuttgart. Danke, wir nehmen gerne noch einmal ein gleich großes Stück dazu.
– Die ganze Care-Arbeit leisten die Frauen. Da geben wir gerne großzügig mehr als die Hälfte ab.
– Ehrenamt, da dürfet sich die Männer ein riesengroßes Stück abschneiden.
– Lohnunterschiede von 22 Prozent: Auf viele, viele Berufsjahre bezogen könnten Frauen eigentlich sofort in den Ruhestand gehen.

Ha, wir sind keine Fake-news.
Wir sind zwar 100, aber äußerst munter.

Aber sagen Sie: Würden Sie mich wählen?
Ohne dass ich jetzt falsche Versprechungen mache, gell, aber ich behaupte, das wäre kein Verluscht, nein, auch nicht für die Männer! Seibold, Adele, also. Bei Seibold müssten Sie’s Kreuzle machen!


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