Selbst kochende Kartoffeln

[Hier fehlt noch ein Kartoffelfoto. Das werde ich bald
noch machen und einstellen. Solange muss man sich
halt eine Kartoffel vorstellen, ist ja nicht schwer.]

Ich könnte schwören, dass die Verkäuferin auf dem Wochenmarkt selbst kochende Kartoffeln angepriesen hat. Die Kundin schien sehr erfreut und ließ sich ihren mitgebrachten Stoffbeutel füllen, während ich noch darüber nachdachte, was das wohl für besondere Kartoffeln sein mögen. Selbst kochend. So gen-manipuliert, dass sie sich von selbst erhitzen und garen? Ohne dass sie dafür jemand in einen Topf mit Wasser schmeißen muss? Wie das selbst fahrende Auto käme dann auch die Kartoffel ohne Fremdeinwirkung dazu, sich so zu verhalten, wie Menschen es eben von Kartoffeln erwarten. Sie sind ja schließlich Nahrungsmittel und sollen schmecken und satt machen. Das ist ihre Bestimmung.

Manchmal fühle ich mich auch wie eine selbst kochende Kartoffel. Bevor jemand anderes mir sagt, was zu tun ist, bemerke ich es schon von selbst und handle entsprechend. Überhaupt handle und denke ich bestimmt sehr oft so, wie es von mir erwartet wird. Bin freundlich, mal bestimmt, einladend, abgrenzend, werbend etc. Bin ich etwa auch programmiert, so dass ich meinen Beitrag für unsere Gesellschaft möglichst gut erbringe? Ich weiß schon, wie es geht! Regeln und Gebräuche. Nicht nur im Straßenverkehr. Im Kontakt mit anderen, innerhalb von Strukturen. Ich passe ab und zu meine Taktiken an, das meiste läuft von alleine. Ja doch, ich koche mich selbst. Und ich bin eine Kartoffel, wenn dieses Gemüse für die deutsche Staatsbürgerschaft stehen soll.

Gestern sah ich ein Forum-Theaterstück mit dem Namen „Kartoffel“. Kartoffel stand für den deutschen Pass, den Menschen feierlich überreicht bekommen, nachdem sie jahrelang gelernt haben, wie sie „Streichholzschächtelchen“ aussprechen, wann Martin Luther geboren ist und welche Werte für unsere Kultur bedeutend sind. Schließlich, nachdem sie alle Prüfungen bestanden hatten, wurde ihnen eine kleine Kartoffel überreicht, kein Stück Papier, sondern eine Kartoffel. Die Eine nahm sie überaus enthusiastisch entgegen, die Nächste zwar erfreut, aber auch irgendwie erschöpft, die Dritte sichtlich genervt, weil sie bei dem feierlichen Akt auch noch lächeln sollte. Aber ihr steckte der mühsame Weg noch in den Knochen und so groß war die Hoffnung nicht, dass sich nun – im Besitz der Kartoffel – so viel verändern würde. Vor allem konnte sie nicht recht nachvollziehen, warum sie sich ausgerechnet jetzt so freuen sollte. Eine deutsche Kartoffel würde sie eh nicht werden.

Ich esse ja sehr gerne Kartoffeln. Ich stelle sie auch selbst auf den Herd und warte geduldig bis sie durch sind. Dann verbrenne ich mir fast die Finger beim Schälen. Was ich toll finde, es gibt so viele Sorten von Kartoffeln und sehr viele verschiedene Kartoffelgerichte aus aller Welt. Aber selbst kochend ist zum Glück keine.

Gestern, ich könnte schwören, habe ich in der U-Bahn gehört, wie eine Frau vom Caféunser erzählt hat. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.


Ein Gedanke zu “Selbst kochende Kartoffeln

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