Humor. Es lebe meine Vielfalt. Und die der anderen.

17-06-14 (16) (Mobil) (Individuell)
Kleiderausstellung im Clowneriekurs. Welche Identität soll es denn sein?

Kennen Sie den? „Ein Schiff droht unterzugehen. Der Kapitän überlegt, wie er die Leute dazu bringt, über die Reling zu springen. Dem Engländer sagt er, es sei unsportlich, nicht zu springen. Dem Franzosen sagt er, springen wäre erotisch. Dem Deutschen sagt er, es sei ein Befehl, und dem Italiener sagt er, springen sei verboten.“

Na, funktioniert er noch, dieser Witz? Es gibt ihn ja in unzähligen Varianten, immer mal mit anderen Nationalitäten oder Identitäten. Dabei befinden sich derartige Merkmale längst in Auflösung. Sie waren sowieso nur mühsam „künstlich“ zusammengehalten und kamen uns doch so „natürlich“ vor. Demnach sind die Italiener regellos, unzuverlässig und frönen ihrem dolce-far-niente. Und die Italienerinnen? Da wird es schon schwieriger. Sie sind die unbestrittenen Mamas und Chefinnen im Haus, schimpfen Kinder und Mann aus und kochen fantastisch. Alles von der Mama und der Nonna überliefert. Wenn was dran sein soll an der Beschreibung, dann ermöglichen sie das dolce-far-niente der Männer. Aber das wiederum ist in den allermeisten Ländern so.

Mit dem Deutschsein ist es auch so eine Sache. Auch mit den christlich-jüdischen Werten, die eigentlich jüdisch-christlich sind, denn das Gebot der Nächstenliebe kommt definitiv aus dem Judentum und ist keine christliche Erfindung. Dazu gehören dann aber auch Gastfreundschaft, Gerechtigkeit, Feindesliebe. Wenn man sich schon auf so etwas Großes berufen möchte. Und wenn schon Wertekunde zur Pflicht werden soll in Deutschland, dann aber bitte für alle, egal welcher Herkunft und Hautfarbe. Wertkunde für die weißen, gut gebildeten Männer in höheren Positionen, damit wäre ich sehr einverstanden. Diese Werte sind nämlich wirklich global, international, gehören sogar zu allen Religionen und: Sie ist Identitäten übergreifend.

Viele sehnen sich nach alten Ordnungen, die für manche gut waren, aber für viele überhaupt nicht. Vermutlich ist es bei jeder Ordnung so, solange sie nicht gemeinschaftlich ausgehandelt wird. Ausgangspunkt ist dann nichts Selbstverständliches mehr, das als „natürlich“ behauptet werden könnte. Vielleicht verunsichert es, aber es ist einfach dran heutzutage. Und so schrecklich verunsichernd müsste es auch wieder nicht sein, denn so ein Aushandeln, ein Ausprobieren, ein Infragestellen steckt voller Humor. Ja, es ist selbst schon humorvoll und wo all das ausbleibt, wo feststehende Identitäten behauptet werden, da geht es reichlich humorlos zu. Denn Humor ist die Haltung des Abstandes zu sich selbst, zu dem, wie man und frau sich so zeigt, wofür sie und er sich hält und meint, wie es sein sollte.

Mit Humor blinzle ich um die Ecke, schaue mich aus ungewohnter Perspektive an, wundere mich über das, was mir so dermaßen wichtig erscheint und probiere immer mal anderes auf dem Bazar der Kleider und Verhaltensweisen aus. Weil es Spaß macht und befreit. Darin liegt sogar ein Ernst, der gesellschaftspolitische Ernst des Humors.

Und eben, als ich noch über den Witz über das sinkende Schiff nachdenke, entdecke ich einen Essay im Tagesspiegel von Friedrich Christian Delius. Humor erwächst aus der Nicht-identität schreibt er mit Rückgriff auf den „Erzhumoristen der deutschen Klassik“ Jean Paul, der sich schon vor 200 Jahren die Mühe des Differenzierens zwischen Humor und allen, was nicht als Humor bezeichnet werden kann, gemacht hat.  Zu diesem anderen gehört „die modische Identitätsideologie mit ihren humortötenden Folgen“. Sie sei bei harten Rechten und bei soften Linken anzutreffen, legt Menschen formelhaft fest und ignoriert, „dass jeder Mensch ein Vielfaches an Identitäten hat (Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Herkunft, Bildung, Religion, Arbeit, Alter, Kraft, politische Orientierung, sexuelle Orientierung, Intelligenz, Gene, Erfahrung usw.), wovon einige erfreulicherweise variabel sind. Mit der Reduzierung auf „die“ oder „eine“ Identität wird auch dem Humor der Boden entzogen.“

„Identitäres Denken und identitäre Zuschreibungen entspringen (…) dem Wunsch nach Widerspruchslosigkeit, negieren die Vielfalt des Einzelnen und führen zur Ideologie und Rassismus – und damit auch zur Vertreibung des Humors, der zum Blühen mehr als eine Perspektive braucht.

Also lassen wir den Humor blühen, vertreiben wir damit Ideologie und Rassismus!
So einfach? Mit Humor? Ja, genau, mit Humor. Der bezeichnenderweise immer bei einem selbst ansetzt. Oops!

Und hier der Link zum ganzen Artikel.

 

 


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