O je, ein Mensch an einem Holzkreuz!

Schlosskirche Meerholz (92) (Mobil)Völlig bestürzt nimmt eine Gruppe Clowninnen das Kreuz auf dem Altar wahr. Die nackte Gestalt leidet und der Schmerz spiegelt sich in ihren Gesichtern. Kann man denn gar nichts tun? Wortlos, nur mit Blicken und Tönen verständigen sie sich. So kommt es, dass der Schirm über dem Kreuz aufgespannt, eine Tuch um die Schultern gelegt, ein Häubchen aufgesetzt und ein größeres Tuch um die Hüften gewickelt wird.

Diese Clowninnen betraten die Kirche neugierig, unvoreingenommen und voller Naivität. Sie kennen das Kreuz aus sehr vielen Kirchen, sie kennen Kreuzestheologien, sie wissen, was Karfreitag bedeutet und freuen sich auf Ostern. Aber als Clowninnen wissen sie und wissen doch nicht. Vielmehr lassen sie sich von der Gestalt selbst, ihrem Ausdruck, den Nägeln, dem Holzkreuz beeindrucken. Sie reagieren emotional, direkt, mit ihren Sinnen – so, als hätten sie so eine Darstellung noch nie gesehen: Geschockt, bestürzt, entsetzt. Im Unterschied zu Kindern oder Menschen ohne christlich-kirchliche Sozialisation befinden sie sich nicht mehr in einer ersten, sondern in einer zweiten Naivität. Das bewirkt die rote Nase und die ganze Haltung als Clownin.

Sieht man nur diese Verhüllungen, ohne die besorgten Clowninnen, könnte es einem wir Spott vorkommen. Tatsächlich ist das Kreuz zuallererst ein Spottzeichen. In den biblischen Passionserzählungen machen sich so gut wie alle Beteiligten über den Gekreuzigten lustig. „Die vorüberkommenden Menschen schüttelten verächtlich ihre Köpfe und verunglimpften ihn: »Du reißt doch den Tempel ab und baust ihn in drei Tagen wieder auf, rette dich selbst, wenn du Gottes Kind bist und steige vom Kreuz herab.« Ebenso verhöhnten ihn auch die Hohenpriester samt den toragelehrten Männern und Frauen und den Ältesten: »Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist der König Israels? Soll er doch vom Kreuz herabsteigen und wir wollen ihm vertrauen.“ (Matthäus 27, 40-43) Die erste Kreuzesdarstellung ist dann ein karikierendes Kreuz, mit dem die ersten Christen im 2. Jahrhundert verspottet werden, weil sie so einen schwachen, absolut nur menschlichen Gott anbeten. Die Wand einer römischen Kaserne zeigt einen krakeligen gekreuzigten Esel und einen Mensch names Alexamenos, der ihn anbetet. Der Spott gilt beiden, diesem ohnmächtigen Gott und seinem Anbeter. Das Bild und ein weiterer Text dazu in diesem blog.

Kreuz und Spott – diese Verbindung vom Anfang bleibt dem Christentum bis heute. Der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel sagt dazu: In keiner der großen Religionen stehen „der Glaube und der Spott so direkt nebeneinander wie im Christentum“. Und so ist der christliche Glaube auch stets gefährdet, weil er sich durch Häme, Spott und Witz hindurch zu behaupten hat. „Billiger ist er nicht zu haben. Die Anfechtung folgt ihm wie ein Schatten. Der Spott über einen so ‚unmöglichen‘ Glauben – er wird Christen von Anfang an mitgegeben“ (Kuschel, Lachen. Gottes und der Menschen Kunst. Freiburg i.Br. 1994, 140f.).

Die Clowninnen spotten nicht. Sie sind berührt und sie wollen berühren. Sie haben das Schlosskirche Meerholz (96) (Mobil)dringende Bedürfnis zu heilen. Ich meine, das ist eine sehr gute, wenn nicht überhaupt die beste Art, auf das Kreuz zu reagieren. Denn es gibt viel zu viele Kreuze und andere Foltermethoden auf dieser Welt. Aber dazu muss man es erst einmal wieder wahrnehmen, dieses Kreuz, als Spottzeichen und als Skandal. Manchmal ist die zweite Naivität eben klüger als die erste. Und, ja, billig ist es gewiss nicht, sich mit dem Kreuz auseinanderzusetzen.

 


2 Gedanken zu “O je, ein Mensch an einem Holzkreuz!

  1. Was für ein tief anrührend-berührendes Bild!
    Im Geiste stelle ich mich als Clownin neben die anderen Clowninnen, füge eigeneTöne hinzu, verständige mich lautlos mit ihnen…. und überlege was ich noch tun könnte: vielleicht dem Gepeinigten mit einem Fächer etwas frische Luft zuwedeln?

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