Wieder Alle Jahre wieder

20171203_173901 (Mobil)Schon wieder Advent, Lichter anzünden, Plätzchen backen oder zumindest essen. Eben „Alle Jahre wieder“. Wiederholen, was im letzten Jahr schon war, und im vorletzten und davor und davor auch – das ist voll retro, antiquiert und wunderbar genüßlich subversiv. Ich freue mich jedes Jahr genau darüber.

Denn zyklische Bewegungen passen so gar nicht in unsere Zeit der linearen Weiterentwicklung. Denn bei uns gilt das Prinzip der Steigerung. War etwas im letzten Jahr gut, sollte es in diesem Jahr zumindest besser gewesen sein. Gab es in diesem Jahr viele neue „Friends“ und „Likes“, dann dürften es im neuen Jahr gerne noch ein paar mehr sein. War eine Bilanz in diesem Jahr zufriedenstellend, muss sie im neuen Jahr gesteigert werden. Statistiken klären auf über Entwicklungskurven. Immerhin, die Zahl der Arbeitslosen ist anscheinend rückläufig. Nur leider ist trotzdem das Armutrisiko gestiegen, die Wohnungsnot größer und auch der Stellenabbau in einigen Regionen gestiegen. Solche Steigerungen aber interessieren nicht so, wenn es um die Bilanzen der Wirtschaft und der Wirtschaftlichkeit geht. Interessant sind nur die Menschen, die mithalten können und fleißig beitragen: Zu mehr Wachstum, Beschleunigung und Innovation. Die Kurve, die das anzeigt, wird jeden Tag in den Nachrichten gezeigt. Die Entwicklung des DAX kommt immer eher am Ende, wie auch der Wetterbericht. Beides scheint direkt mit unserem Schicksal zusammenzuhängen.

Damit die Wirtschaft brummt, müssen wir uns schon anstrengen. Von alleine funktioniert das Prinzip nicht. Deshalb sollen wir ja stärker aktiviert werden, unsere Ressourcen ausschöpfen, in schwierigen Phasen unsere Fähigkeit der Resilienz trainieren, uns körperlich und geistig fit halten, aber dabei auch Zeit für Kreativität einräumen. Denn nur so bleiben wir begeisterungsfähig, heiter und humorvoll. Anders gesagt, nach Hartmut Rosa: Man muss schon immer zügig nach oben laufen, um sich seinen Platz zu erhalten (Resonanz 2016, S. 691).

In diesem Sinn können wir auch Advent und Weihnachten begehen. Es uns schön und gemütlich machen, Adventstee trinken, Türchen auf, vielleicht sogar zehn Minuten Kurzbesinnung, nur mäßig damit zufrieden, dass Heiligabend in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt und damit nicht so günstig, wie zum Glück schon im nächsten. Die Feiertage ergeben dann so eine kurze Gegenwelt, ähnlich wie ein Urlaub, ein Geburtstag, ein Waldspaziergang am Wochenende.

Dabei schaffen diese religiösen Feste und Feiertage, die alle Jahre wiederkehren, nicht nur eine temporäre Gegenwelt; sie ticken einfach völlig anders. Also, sie ticken gar nicht, sie drehen Jahr und Jahr ihre Runden, tickend allenfalls mit der Uhr, die auch immer wieder nur bei 12. 43 ankommt oder 17.12 ankommt. Dieses Prinzip der jüdisch-christlichen und der muslimischen Religion als Wiederholung widersetzt sich grundlegend dem linearen Prinzip. Nochmal mit Hartmut Rosa gesprochen, sind zyklische Zeitordnungen nicht dynamisiert, ja nicht einmal dynamisierbar (ebd. S. 688). Denn Weihnachten ist eben Weihnachten, die Geschichte ist in jedem Jahr diesselbe, Gott wird als Mensch geboren, so ist es. Immerhin haben sich die Kirchen mit dieser beständig wiederholten Botschaft ziemlich lange gehalten, ungefähr 2 000 Jahre lang. Zugegeben, in diesen Jahren ist einiges geschehen, was auch einer Wachstumslogik unterlag. Die ständige Verheißung eines paradiesischen „Später“ ist auch ein linearer Gedanke. Außerdem wurden und werden immer wieder unheilige Allianzen mit den Finanzen eingegangen. Aber das konnte offensichtlich nichts am Kirchenjahr und an den Festen der anderen Religionen ändern. Der jüdische und der muslimische Kalender gehen sogar nach dem Mond!

Und so gehen wir, kreisend und religiös gedacht, tatsächlich nach dem Mond. Könnten unsere Religionen ihr Prinzip nicht stärker machen? Als wirkliche Kritik, als grundlegenden Einspruch gegen die neoliberale Logik der Beschleunigung? Als Widerstand? Was hätten wir da für eine Botschaft, die Botschaft schlechthin! Stopp! Wir gehen jetzt nach dem Mond! Zu verkündigen genau heute, in diese Zeit hinein. Ich finde, das wäre mindestens reformatorisch, wenn nicht gar revolutionionär. Hätten wir nicht genau das im Reformationsjubiläum tun können? Naja, es geht auch jetzt noch.

Einmal war ich in einem Weihnachtsgottesdienst und der Pfarrer begann seine Predigt: „Wie ich schon im letzten Jahr gesagt habe …“ Offenkundig hatte er seine „alte“ Predigt rausgezogen und dann festgestellt, dass ja alles noch gilt, was da drin steht. Ich habe mich anfangs über ihn lustig gemacht. Es geht doch darum, jedes Jahr die bekannte Botschaft neu zu sagen. Ja, jedes Jahr ist anders und in jedem Jahr klingt es etwas anders, dass der Gott der Christen kein Superstar, kein Leistungssubjekt, kein allmächtiger Vorzeigeidealoptimiertallroundgott ist. Aber eigentlich ist es so, wie dieser Pfarrer sagte und wir sind uns nicht zu blöde, es einfach zu wiederholen. Und damit ist gut, nicht besser oder am besten, sondern einfach gut.

Literaturverweis:
Hartmut Rosa, Resonanz, Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.


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