Die Pfingstgesellschaft: müde

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Quelle: Veranstaltungsseite der EKHN zum Pfingsfest auf dem Frankfurter Römer

Schaffens- und könnensmüde – so sind die Menschen unter den derzeitigen Bedingungen des Arbeitsmarktes, sagt der Philosoph Byung-Chul Han, der sich intensiv mit dem Menschenbild befasst, das neoliberaler Wirtschaft entspricht. [1]. Dass wir viel schaffen, arbeiten und erfolgreich bewältigen, und daher auch rechtschaffen müde sein dürfen, das ist eine Sache. Der Begriff der Könnensmüdigkeit erstaunt. Nach Han leben wir in einer Gesellschaft, die alles für möglich hält und den Einzelnen abverlangt, alles möglich zu machen. Das Arbeiten an sich ist dabei nicht das Problem, sondern das „Zuviel“, ein „Zuviel am Gleichen“, ein „Übermaß an Positivität“. Eben diese Positivität ist es, die den Menschen zu einem Leistungssubjekt, zu einem „animal laborans“ (23) macht, ohne dass dahinter ein offensichtlicher Zwang stecken müsste.

Es funktioniert auch ohne Gehorsam und strenge Disziplin.  Es ist nicht mehr die Disziplinargesellschaft mit ihren Verboten, mit Imperativen wie „nicht dürfen“ oder „sollen“, die die Menschen bestimmt. Vielmehr ist es eine Leistungsgesellschaft unter dem positiven Leitgedanken des „Könnens“ und des Gebots, die wesentlich effizienter als die Negativität des Sollens ist. Sie spricht den Menschen bei seiner eigenen Initiative und Motivation an. Han spricht von „Unternehmern ihrer selbst“ (19), was nichts damit zu tun hat, selbst ein Unternehmen zu führen. Die Menschen werden nicht ausgebeutet, sondern beuten sich selbst aus, sind Täter und Opfer zugleich. Dieses Prinzip der Selbstausbeutung ist deshalb so effektiv, weil es zugleich mit einem Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung einhergeht.

Die Müdigkeit, bei der man nicht mehr scharf und doch sehr gut sieht. Doch anstatt sich weiter in diese Art Müdigkeit hineinzutreiben, plädiert Han für eine ganz andere Art der Müdigkeit und damit Aufmerksamkeit: Eine „breite, aber flache Aufmerksamkeit“, die einen das Unscheinbare oder Flüchtige entdecken lässt. Eine Müdigkeit, mit der man nicht mehr ganz scharf sieht, die einen das Lauschen und Staunen lehrt. Anstelle permanent zu beschleunigen und „widerstandslos jedem Impuls und Reiz“ zu folgen: lieber einen Zustand unterbrechen, innehalten, „Zwischen-Zeiten“ schaffen.  Die Bewegungsform, die dem am meisten entspricht, sei der Tanz, meint Han. „Verglichen mit dem linearen, geraden Gang ist der Tanz mit seinen verschnörkelten Bewegungen ein Luxus, der sich dem Leistungsprinzip ganz entzieht“.

Nun, ich selbst mache Clowntheater und ich singe und ich tanze. Die Grundhaltung in der Clownerie ist das Staunen und die Aufmerksamkeit für das Kleine.  Schnell mal abgelenkt, den Blick dahin und dorthin wenden, andere anschauen, wahrnehmen, was gerade ist. Bei der Clownerie zeigen sich alle sehr menschlich. Wir geben alle komische Figuren ab, stolpern durchs Leben, suchen Glück, geraten in Panik, werden aggressiv und sind überwältigt von Gefühlen der Liebe. Das ganz normale Leben halt und eben weit davon entfernt wie eine Maschine rund um die Uhr funktionieren zu können. Oder, wie der britische Sänger Rag’n’Bone Man (dt. „Lumpensammler“) vertont: „I’m only human, after all, Don’t put the blame on me!”

Das Büchlein vonByul-Chul Han endet mit einem verblüffenden Vorschlag. Er rät uns, unsere gesammelte Müdigkeit in das Fest der Pfingstgesellschaft münden zu lassen. Sie sei eine Gesellschaft der Müden im besonderen Sinn. Sie lassen sich von der Geistkraft beschenken, verstehen sich auf einmal bestens und werden nicht schlecht gestaunt haben. Dann gab es Essen, das sie teilten: „Sie nahmen Speise zu sich voll Jubel und mit lauterem Herzen, lobten Gott und waren gut angesehen beim ganzen Volk“ (Apostelgeschichte 2,26f.) Heute ist Pfingstsonntag und ich habe noch einige Gelegenheit, mir eine Pfingstgesellschaft wider den Perfektionismus, auch wider Angst und Panik zu suchen. Zum Beispiel morgen auf dem Römer in Franfurt. Da wird es viel Musik und Worte geben, zwar nicht Tanz und Clownerie, und hoffentlich viel pfingstlerische Müdigkeit.

[1] Byung-Chul Han, Müdigkeitsgesellschaft. Berlin 62010, 23.

 

 


2 Gedanken zu “Die Pfingstgesellschaft: müde

  1. Danke für den Hinweis auf Byung-Chul Han und seine Idee von der jubelnden Pfingstgesellschaft. In meiner Kirche heute morgen, in der ich nach über 5 Jahren wieder einmal zu Gast war und eine 94jährige dorthin begleitete, war davon leider nichts zu spüren – ich sehne mich doch so danach. Wünsche Dir dass Du morgen mehr erlebst 🙂

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  2. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    Danke für den Hinweis auf Byung-Chul Han und seine Idee von der jubelnden Pfingstgesellschaft. In meiner Kirche heute morgen, in der ich nach über 5 Jahren wieder einmal zu Gast war und eine 94jährige dorthin begleitete, war davon leider nichts zu spüren – ich sehne mich doch so danach. Wünsche Dir dass Du am Pfingstmontag mehr erlebst :)))))

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