Clowns – staunend, stolpernd, subversiv

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Clowns und natürlich Clowninnen sind für mich die besten Figuren, um in die Haltung des Humors zu kommen. Sie spielen mit dem Ernst des Lebens in allen Varianten – und stehen dabei auf der Seite des Lebens. Kultur- und theatergeschichtlich gibt es Clowneskes in vielen Facetten, immer auch in düsteren. Doch die eigentliche Stärke und Kraft der Clownerie liegt in ihrer konstruktiven Bewältigung alles Bedrohlichen, wie es eben auch dem Humor eigen ist.

Das Wort Clown geht zurück auf Engl. clod und Isländisch klunpi. Es bezeichnet einen Bauern, aber abschätzig im Sinne von Tölpel oder einen groben Gesellen. Clown steht für einen ungebildeten Menschen vom Land, der Unterschicht zugehörig und gilt den Höhergestellten als lächerlich. Am Ende des 16. Jahrhunderts versteht man unter clown einen neuen sozialen Typus und eine Theaterfigur, wie z.B. in den Stücken von Shakespeare.

Die gesellschaftliche Position am Rand oder unten zeigt sich im Tramp Charlie Chaplins, und weit davor in der Commedia dell’arte ebenfalls im 16. Jahrhundert in den Rollen der Diener – Arlecchino ist einer davon – , die in der reichen Stadt Venedig Hunger leiden. Das Hungern bildet sich in vielen klassischen Clownnummern ab, wie etwas dem Versuch, wenigstens eine, wenn auch lästige, Fliege zu fangen.

200 Jahre prägte der Zirkus das Bild, das wir heute von Clowns haben – in zweierlei Form. Als Weißclown überrepräsentiert er die gesellschaftliche Norm und ist deshalb komisch; als Rotclown oder Dummer August unterläuft er diese Norm, ist tollpatschig, stolpert und repräsentiert den Anti-Helden. In beiden Fällen sprengt er die Norm. In dieser Zirkuswelt des Übernatürlichen und Faszinierenden stellt er das ziemlich normal Menschliche dar. Denn wer im Publikum kann sich schon so verbiegen wie diese Schlangenfrau?

Clowninnen und Clowns heute spielen mit den überhöhten Anforderungen unserer Gesellschaft, die Höchstleistungen und Perfektion erwartet. Die schweizer Clownin Gardi Hutter mit ihrer Figur der Hanna scheitern an ihren Wäschebergen, dabei wäre sie so gerne auch mal eine Berühmtheit, so eine wie ihre Namensvetterin Johanna von Orléon. Die katalanische Clownin Pepa Plana gibt als Penelope Einblick in eine typisch weibliche Existenz des Wartens. Klinikclowns stellen sich den Ängsten von kranken und todkranken Kindern und Erwachsenen und nehmen diesen den Schrecken. Altenheimclowninnen verwandeln die Flure und Zimmer in Tanzsäle und entführen die Bewohnerinnen mit ihrem Spiel und den Liedern aus früheren Zeiten in eine Welt der Unbeschwertheit. Meine Frau Kiebig-Stelz (siehe Foto) treibt nur in einem Schwimmring auf hoher See, nicht nur ihre Existenz scheint völlig baden zu gehen. Es fallen ihr biblische Bilder vom bedrohlichen Meer, aber auch vom rettenden Wasser ein. Wenn sich doch nur mal wieder das Meer so teilen würde wie damals!

Neugierig bleibt der Clown auch im größten Schlamassel unterwegs auf der Suche nach einer Lösung – und findet sie als unerwartete, ungewöhnliche, eben komische. Er steckt viel ein, stolpert von einer Niederlage zur nächsten, ohne dabei seine Würde zu verlieren. Auch andere will er nicht in die Pfanne hauen. Seine Späße gehen nie auf Kosten der anderen, sie treffen ihn selbst.

So zeigt die Clownin treffsicher auf Missstände ohne zu beschönigen. Bei näherem Hinsehen und angesichts clownesker Experimentierfreude erscheinen sie veränderbar und werden nicht nur am Ende mit einem Lachen quittiert. So ist es, es könnte aber auch noch ganz anders sein – menschlicher eben.

Ach so, und bevor ich es vergesse: Diese Beschreibung ist meine (kurze) Reaktion auf öffentliches Auftreten von selbst ernannten Clowns, die sich zwar auch mit Normen anlegen, aber offensichtlich nicht mit dieser lebenbejahenden Haltung, ganz im Gegenteil. Außerdem erscheint es mir so, dass sie zuallererst Schwierigkeiten herstellen und gar nicht an ihrer Überwindung mit kreativen Mitteln interessiert sind. Vor allem aber ist Clownerie eine Kunst, die mit viel Training und aufmerksamen Beobachten der Gesellschaft verbunden ist. Da reicht es nicht, sich einfach eine rote Nase aufzusetzen.

Und jetzt noch eine Clownin, die entzückende, liebenswürdige Kommentatorin 🙂

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Ein Gedanke zu “Clowns – staunend, stolpernd, subversiv

  1. Bravo, liebe Gisela! Deinen Artikel hätte ich mir heute in der lokalen Tageszeitung gewünscht. Na, immerhin gab es dort einen Versuch über die eigentlichen Clowns zu schreiben, neben den Meldungen zu den sogenannten Horror Clowns, die jetzt auch ihr Unwesen bei uns in Wesel treiben. Diese Gestalten bekommen meiner Ansicht nach indem Medien zu große Aufmerksamkeit und ich fürchte, dass läd zur Nachahmung ein. Wo sind wir wirklichen Clowns in der Öffentlichkeit? Immerhin bin ich in diesem Jahr schon als Clownin Paola Allegra in Wesel an anderen Orten in „Erscheinung“ getreten. Alleine, oder gemeinsam mit anderen Clowninnen und Clowns. Und es wurde gelacht, gestaunt, applaudiert, Neugierde und Interesse geweckt… Auf, lasst uns gerade jetzt die roten Nasen aufsetzen, an den Orten, die uns Vertraut sind: die Bühne, die Straße, die Klinik oder die Altenheime…
    Mit herzlichen Grüßen
    Marion Zwanzig und Paola Allegra

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