Wenn’s mir schlecht geht, geht’s mir schlecht!

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Kennen Sie das? Es geht einem schlecht, sehr schlecht sogar und dann wollen einem wohlmeinende Freundinnen oder Freude einreden, dass es doch alles zu was gut sei. Dass da vielleicht ein höherer Sinn dahintersteckt, den man jetzt noch nicht verstehe. Dass man gar noch selbst Schuld sei am eigenen Elend. Man hätte ja dies oder das besser befolgen können. Dass es einem sicher bald wieder gut, sogar sehr gut gehen wird. Toll, oder!? Die haben einem dann gerade noch gefehlt. Klugschwätzer, die einen nur vertrösten wollen. Besserwisserinnen, die es einfach nicht aushalten. Selbst ernannte Weltversteher, die nur auf schnelle Erklärungen aus sind. Nein, danke! Nicht auch das noch!

Wieder Erwarten finde ich für meinen Trotz ein biblisches Beispiel: Hiob. Ich dachte ja immer, der biblische Hiob sei ein völlig verzweifelter Mensch gewesen, von Gott und Welt verlassen! Schlimmer noch, von Gott hintergangen in einem üblen Pakt mit dem Teufel. Schließlich hatte er alles verloren, die Familie, Besitz, Gesundheit. Doch so sehr er auch am Ende ist, er ist immer noch zornig, und wie! Verzweifelt, aber nicht gebrochen. Immer noch kritisch, sogar rebellisch. Klug und stark. Und voller Ironie.

„Wer gäbe es, dass ihr endlich den Mund hieltet und dass das eure Weisheit wäre!“ (Hi 13,5) lautet seine unmissverständliche Antwort auf ihre schlauen Reden. Immer öfter reagiert der schlecht Getröstete ironisch: „Wahrhaft, ihr seid mir Leute – mit euch stürbe die Weisheit aus!“ (Hi 12,2) Tröster, die Mühsal bereiten, seien sie, und gut reden hätten sie auch, denn sie steckten schließlich nicht in seiner Haut. Einem Freund wirft er ebenfalls voller Ironie entgegen: „Wie hast du doch beigestanden dem Kraftlosen und geholfen dem Ohnmächtigen! Wie hast du doch Rat gegeben dem ohne Weisheit und hast ihm Wissen in Fülle kundgetan!“ (Hi 26,2f) Vernichtend sein Urteil über den Nutzen ihrer Reden: „Eure Merksätze sind Schutthaufensprüche, ja, tönerne Sockel sind eure Sockel!“ (Hi 13,12).

Bloß keine leichtfertigen Vertröstungen!

Nicht, dass ich Gefallen finden würde am Leiden! Ich unterstelle das auch Hiob nicht, gerade ihm nicht. Schließlich fightet er ganz schön mit seinem Gott, der doch mal als gerecht und barmherzig angetreten war. Ob er jetzt etwa das Seeungeheuer sei, das Gott im Schach halte, fragt er schnippisch (Hi 7,12). Ironie auch Gott gegenüber! Hiob führt Gott regelrecht vor, indem er die Auszeichnung der Menschen durch Gott parodiert. „Was sind die Menschen, dass du sie groß achtest (…), sie Morgen für Morgen zur Verantwortung ziehst, sie immerfort auf die Probe stellst?“ (Hi 7,17f.) Diese Verse sind ein umgekehrtes Zitat von Psalm 8, wonach die Menschen wenig niedriger gemacht sind als Gott. Sogar mit Würde und göttlichem Glanz hat Gott sie gekrönt (Ps 8,5). Haha, da kann Hiob bloß bitter lachen.

Ich bewundere diesen Trotz! Auch die Stärke, sich selbst in dieser Not nichts einreden zu lassen. Hiob deutet seine Situation weiterhin selbst, zumindest versucht er es. Prompt hat Brigitte Becker in ihrem Blog weiteratmen.me den Trotz zu ihrem „schönsten deutschen Wort“ erklärt. (Blau – weil weiteratmen.me für mich diese Farbe hat)

Manchmal wird der Humor eben scharf, oder auch bitter. Aber er macht stark.

Die Lösung?
Ja, es gibt eine. Keine logische, geradlinige, aber eine geradezu einfache. Irgendwie kommen Hiob und sein Gott in Kontakt, sehr direkt und persönlich. Es muss so eine Art erleuchteter Moment gewesen sein. Er erklärt eigentlich gar nichts und verändert doch alles. Vielleicht ist es die Nähe, die Verbundenheit? „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (Hi 42,5)

Und noch etwas anderes finde ich bemerkenswert. Bevor die Freunde sich in langatmigen Reden ergehen, gleich zu Beginn ihres Bsuches bei Hiob, schweigen sie sieben Tage lang mit ihm, so schwer wiegt das Leid. Also erstens: Sie kommen und zweitens: Sie schweigen. Sie sind einfach erst einmal da und lassen ihn nicht in seiner Einsamkeit und Wut alleine. Doch dann suchen sie nach Erklärungen für das Unbegreifliche und bitten vorsichtig darum, reden zu dürfen: „Darf man ein Wort an dich richten – du bist schwach – doch Worte zurückhalten – wer kann das?“ (Hi 4,1) Auch aus der Sprachlosigkeit herauszukommen, finde ich – drittens – sehr wichtig. Ich hoffe, mir selbst wird das einfallsreicher und mehr im Dialog gelingen, sollte ich mal wieder so eine Freundin sein. Und ich hoffe, meine Freundinnen und Freunde würden auch aus dem Schweigen herauskommen und erst einmal mir zuhören, bevor wir dann gemeinsam nachdenken würden.

Am Ende ist es doch noch lustig.
Hiob kommt wieder auf die Beine, sehr gut sogar, gesund, mit neuer Familie. Na, es ist eben auch eine Männergeschichte. Sogar seine neuen Töchter werden namentlich erwähnt und sollen ihren Erbteil erhalten, was den Alttestamentler Jürgen Ebach kommentieren lässt: „Nirgends sonst in der Bibel wird ökonomische Geschlechtergerechtigkeit so prägnant.“ (In Bibel in gerechter Sprache 2006, 1240). Bemerkenswert, wie so oft im Ersten Testament, sind die sprechenden Namen der Töchter: Jemima bedeutet „Turteltaube“, Kezia „Zimtblüte“ und Keren-Happuch „Schminkhörnchen“.


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