Augenblicke zu vernachlässigenden Unglücks

Momenti di trascurabile infelicità

In einem kleinen Glashäuschen direkt am See lagen ordentlich gestapelt Bücher auf Deutch und Italienisch, allesamt zu verschenken. Dieses habe ich mir mitgenommen. Vor vier Jahren war sein Buch über Augenblicke vernachlässigbaren Glücks, übersetzt mit „Von Glücksmomenten“ erschienen. Das mit dem Unglück gibt es vorerst nur auf Italienisch, aber so gut kann ich die Sprache, um ins Grübeln und Lachen zu kommen. Francesco Piccolo schreibt da zum Beispiel über die schmutzige Windschutzscheibe seines Autos. Als wäre es ein Instinkt, setzt er die Scheibenwischer samt Flüssigkeit in Bewegung. Von dem Moment an ist die Sicht erheblich schlechter als vorher. Oder er schreibt über Bekannte, die ihn von Weitem begrüßen und ihm zurufen, dass sie ihn anrufen werden. Er liest es mehr von den Lippen ab, als dass er sie hören könnte und weiß: Sie werden nie anrufen.

So ein Moment zu vernachlässigenden Unglücks stellt sich auch ein, wenn er eine Schachtel mit neuen Schuhen öffnet und feststellen muss, dass die Schnürsenkel nur dabei liegen und er sie selbst einfädeln muss. Das sei so, wie wenn man einem Kind ein Spielzeug schenkt, das mit Batterien funktioniert, diese aber beim Kauf nicht dabei waren.

Oder er geht in einem Lokal zur Toilette und sieht, wie völlig verschmutzt sie  ist. Die Wasserspülung funktioniert nicht. Gerade als er wieder kehrt macht, steht der Nächste vor der Tür. Eigentlich will er sagen, dass nicht er es war, der diese Toilette so zugerichtet hat, aber die Situation ist zu peinlich. Und selbst wenn er es sagen würde: Ob der andere ihm glauben würde?

Ich kenne fast alle diese Momente aus eigener Erfahrung. Seine längeren Geschichten habe ich selbst nicht so erlebt, kann sie mir aber lebhaft vorstellen. Peinlichkeiten des Alltags, unangenehme Momente, enttäuschende Erfahrungen. Seine Reaktionen schildert er manchmal, meist ist es Wut oder Verblüffung. Lachen ist es selten. Dabei liefert er in der Überschrift eine Gebrauchsanweisung. „trascurabile“ heißt „unbeträchtlich, unerheblich, unbeachtlich“ und als Verb eben „vernachlässigen“. Unglücksmomente, die zu vernachlässigen sind. Lästig sind sie, aber zu vernachlässigen.

Ich könnte mir auch angewöhnen, solche Momente zu sammeln. Sie haben immer auch etwas Komisches oder Skurriles und eignen sich, zumindest auf den zweiten Augenblick, zum Lachen. Wie dieser noch:

Mit seiner Vespa – ich stelle mir vor, ich bin mit dem Fahrrad unterwegs – fährt er so langsam wie möglich an die Ampel heran, damit er bei Grün gleich weiterfahren kann, ohne anhalten und einen Fuß auf die Erde stellen zu müsssen. Aber egal, wie schnell oder langsam er es anstellt, im letzten Moment, kurz bevor er das Gleichgewicht verliert, muss er doch einen Fuß runterstellen und just da schaltet die Ampel auch schon auf Grün.

 


2 Gedanken zu “Augenblicke zu vernachlässigenden Unglücks

    1. Das Buch wird sicher bald auf Deutsch vorliegen. Für die Zwischenzeit noch so ein Moment zu vernachlässigenden Unglücks: Wenn einem gesagt wird, dass homöopathische Mittel zunächst einmal zu einer Verschlechterung der Symptome führen, danach aber würde es nach und nach besser 😉

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