Augapfelmassage, oder: Pipilotti Rist und die Ewigkeit

Die zwei tollen Frauen vom Totenhemdblog haben eingeladen, eine kleine Betrachtung  darüber zu schreiben, wie wir uns das Leben nach dem Tod vorstellen. Meine Antwort dazu entstand nach dem Besuch einer tollen Ausstellung:

Was nach dem Tod kommt? Ich bin nicht sicher. Aber ich weiss, was ich mir wünsche:

Ein Raum, gefüllt mit Lichterketten. Sie verändern langsam ihre Farbe. Eine Höhle tut sich auf. An zwei Seiten kann ich mich niederlassen, liegen und schauen. Videobilder ziehen an mir vorbei, bunt, farbig, fremd, schön, bilden Erzählungen, lösen sich auf, ein bisschen wie Gedichte. Anderswo, in Venedig, hat dieselbe Künstlerin, deren Werk ich hier besuche, hat Pipilotti Rist solche Projektionen schon an die Decke einer grossen Kirche geworfen. Dort lag man auf dem Rücken ausgestreckt, um zuzuschauen. Der eigene Zustand wird seltsam schwerelos. Augapfelmassage nennt die Künstlerin ihre Kunst. Nicht alles ist verstehbar. Macht nichts.

Denk ich an das Ende und das Danach, dann stelle ich mir einen solchen Zustand vor wie am Sonntag im Kunsthaus in Zürich.Als würden wir, nachdem wir am Anfang brutal aus dem Fruchtwasser, aus der warmen Höhle heraus geworfen und geboren wurden, wieder zurückkehren. Ein bisschen schwerelos glaube ich das Jenseits, und so, dass ich auf keinen Fall mehr irgendetwas tun muss.

Einmal habe ich im Fernsehen mit einer Frau darüber diskutiert, ob nach dem Sterben noch Seelen da sind von den Toten, die noch Botschaften ausrichten. Erfahrungen dazu, das glaube ich, machen manche. Aber ich habe gemerkt: nein, ich will auf keinen Fall noch einen Auftrag. Ich will bei niemandem Lebenden mehr sein nach meinem Weggang. Ich bin sehr froh, wenn sich dann alle um sich selbst kümmern. Ich will ganz tot sein für die anderen und ganz bei Gott. Ich will mir die Augäpfel massieren lassen mit anderen Eindrücken an einem Ort, von dem ich nicht weiss, wo er sein wird und wer genau ich dann bin.

Vielleicht, das kann schon sein, wird dann dort Gott den Film abschalten und das helle Licht wird diesen dunklen Saal erleuchten und die Stimme wird sagen „jetzt reden wir noch mal über das, was so im Leben gelungen ist und was nicht.“ Kann sein. Von heute betrachtet finde ich gut, wenn auch das noch passiert. Gericht nannte das einmal die theologische Tradition. Ich hänge an der Vorstellung, dass ganz am Ende aller Zeit noch über richtig und falsch, über Schmerz und Fehler und Schuld Klarheit geschaffen wird. Wenn es dann soweit ist, wird es mich bestimmt erschrecken. Wir werden sehen.

Und hier könnt ihr den Beitrag auf dem Totenhemdblog anschauen und gleich dort weiterlesen. Lohnt sich!


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