Traumbesuche „dort“

Dante_und_die_gottliche_Komodie
Dante präsentiert sein Hauptwerk „Die  Göttliche Komödie“ http://ammermann.de/Projekt2005/Geschichte/duomo.htm

Von einem Traum möchte ich berichten.

Ich werde eingeladen zu einer Besichtigung im Reich der Toten. Eine freundliche Frau empfängt mich und wir betreten weiten, grünen Raum, den ich als sphärisch bezeichnen möchte und der mir paradiesisch vorkommt. Keine ebenen Flächen, aber es geht sich ganz gut dort. Ich sehe einen Bekannten und umarme ihn. Es fühlt sich nicht so an, als hätte ich „Luft“ umarmt. Ich sehe weitere Menschen, alle tragen Kleider, sie wirken sehr leicht. Wer dort ist, kann umhergehen, andere treffen oder sich in eine Holzschublade legen und schlafen. Schränke mit solchen Schubladen stehen überall herum. Wir gehen spazieren, leichtfüßig. Tiere sehe ich auch, viele Vögel. Vor ihnen soll ich mich in Acht nehmen, meint meine Begleiterin, die seien auf Menschen nicht gut zu sprechen.

Beim Aufwachen fühle ich mich geehrt, dass ich „dort“ sein durfte.

Ich könnte das als Vision von eben jenen Gefilden verstehen und mir vorstellen, dass es dann mal genau so oder ähnlich sein wird. Ich lese es lieber als Bild und freue mich über das heitere Gefühl, das es vermittelt. Tote in Schubladen oder umherspazierend, Begegnungen sind möglich, sogar körperliche, eher feindlich gesonnene Tiere, eine Frau, die mir eine Führung gibt.

Eine Frau, die durchs Paradies führt!? Da war doch was? Beatrice und Dante!

Sie führt ihn durch alle neun Himmel, stellt ihm bedeutende Verstorbene vor, biblische Gestalten, allen voran Eva, Apostel und Engel, um am Ende das Licht der dreieinigen Gottheit selbst zu sehen. Allerdings blendet ihn das dermaßen, dass er zurückkehrt in den Kreislauf des menschlichen Lebens. Dante Alighieri (1265–1321) hat 1307 begonnen, Die Göttliche Komödie, dieses gewaltige Versepos zu schreiben und bis 1321 daran gearbeitet, eine der bedeutendsten Dichtungen der Weltliteratur. Dagegen ist mein Träumchen mehr als zu vernachlässigen. Doch beim Blättern in dem Opus entdecke ich witzige Passagen und freue mich über Dantes Spott gegenüber zahlreichen Herrschern, der katholischen Kirche selbst, Philosophen, die er da so trifft und kritisch befragen kann. Über seine Stadt Florenz verliert er nicht viele gute Worte, intrigant und herrschsüchtig wird der Adel beschrieben. Einer erklärt ihm:

Drum darf dir auch nicht wunderbar erscheinen,
Was ich von großen Florentinern sage,
Die mit der Zeit schon ihrem Ruhm verloren.
(Das Paradies, sechszehnter Gesang, 85-87)

 Dazwischen immer wieder sein Versinken im geliebten Antlitz seiner früh verstorbenen Jugendliebe Beatrice. Solche Momente erscheinen wie ein weiteres Jenseits im Jenseits, schlicht ewig.

Und als ich Beatrice nach der linken Seite
Gewendet sah, das Auge hin zur Sonne;
Nie war ein Adler so darein versunken.
(Das Paradies, Erster Gesang, 46-48)

Theologische Positionen über Jahrhunderte hinweg, Lehrmeinungen, die politischen Verhältnisse – aus seinem umfangreichen Wissen schöpft Dante und bezieht Stellung, heftige Seitenhiebe auf Zeitgenossen inklusive. Zwar übernimmt er mittelalterliche Bilder und Vorstellungen, eben auch die vom Paradies, die Stufungen in die Sphären, aber er bevölkert sie selbst. Das, was dort gesprochen wird, ist ein Kommentar zur bestehenden Welt und herrschenden Gesellschaft und ihren Lehren, weniger Zukunftsschau. Obwohl er dort so vielen lebenden Toten begegnet.

Welt- und Himmelsbilder prägen
Nichts spricht dagegen, die Bilder immer wieder neu zu entwerfen, auch die Weltbilder und darin die Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Erstaunlicherweise prägt Dantes Weltbild ja bis heute, denn warum sonst funktionieren diese Witze mit Petrus an der Himmelspforte immer noch so gut? In der Göttlichen Komödie wird Dante übrigens von Petrus abgefragt wie ein Schüler, und er besteht die Prüfung über die Fragen nach dem Wesen und der Quelle des Glaubens mit Bravour!

Und wie sähe Ihr Weltbild aus? Wen würden Sie „dort“ treffen wollen? Wie verliefe das Gespräch? Was sollte er oder sie sagen? Welchen eigenen Überzeugungen würden Sie damit Gehör verschaffen? Was würden Sie gerne „dort“ tun, was lassen?

So weit traue ich meinem Traum, dass ich an Leben hier wie da glaube, unsterbliche Seelen, verbunden mit den Lebenden, mal mehr mal weniger. Aber alles, was darüber gedacht oder geglaubt wird, sind Bilder – nicht mehr und nicht weniger. Die Möglichkeiten unserer menschlichen Vorstellungskraft, Visionen, Phantasien. Ob nun Schubladen oder anders ausgestattete Räume. Warum nicht an weiteren Göttlichen Komödien schreiben, den eigenen Visionen oder auch Träumen folgend.

Ach, und übrigens  –
Dass Dante vorher in der Hölle und im Fegefeuer war, habe ich jetzt weggelassen. Aber biblisch gesprochen gibt es ja auch gar keine Hölle und kein Fegefeuer. Das hebräische Wort „scheol“ heißt Gruft oder Grab – der Ort, an dem die Gebeine der Vorfahren eben auch schon versammelt sind. Das griechische Wort „gehenna“, das mit der Vorstellung einer Hölle in Verbindung gebracht wurde, ist schlicht der Müllplatz Jerusalems, der Ort, wo der Unrat stinkt, den man auch schon mal anzündet. Der feurige Pfuhl im Johannesevangelium (20,14) bezeichnet auch den Müllplatz und ist ein Bild. Alles Üble und Verbrecherische soll dort verbrannt werden. Auch an diesen Bildern sollte kreativ weitergearbeitet werden.

Bildlegende: „Dante und die göttliche Komödie“ von Michelino, Florenz 1465 im Dom Santa Maria del Fiore.

Auf dem Fresko sieht man Dante, der sein Hauptwerk die göttliche Komödie in der linken Hand dem Betrachter präsentiert, mit einem Lorbeerkranz auf einer roten Dichtermütze. Mit der rechten Hand zeigt er auf den Hintergrund, er scheint auch diesen vorzustellen.
http://ammermann.de/Projekt2005/Geschichte/duomo.htm am 28.3.2016

 


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