Die Weihnachtsgeschichte als Heimatfilm

Schauen Sie sie manchmal Heimatfilme an? Auch wer noch nie einen gesehen hat (kann ich mir gar nicht vorstellen), weiß doch gleich, wie diese Art von Film funktioniert.

Erste Einstellung: Berge, von sehr weit oben gefilmt. Großes Panorama, Weite, blauer Himmel, Schnee auf den Gipfeln.
Dann – Zoom – im Tal unten liegt ein Dorf, der Kirchturm ist schon zu erkennen, Hausdächer, Wald, ein Bach.Und weiter – Zoom – ein schönes Haus mit Balkon und Geranien, Menschen auf der Straße, jemand trägt etwas Schweres.
Schließlich – Zoom – Blick in die Stube, am Kachelofen sitzt eine junge Frau und putzt Gemüse, draußen geht ein Mann vorbei, schielt verstohlen hinein….

… oder so. Die Weihnachtsgeschichte wird nach demselben Schema erzählt, nur dass sie voller politischer Anspielungen steckt, wie eine geschickt getarnte Satire.  Darauf brachte mich vor einiger Zeit Claus-Peter März, Theologieprofessor an der Universität Erfurt. Folgende Dramaturgie also auch hier:

Erste Einstellung: Kaiser Augustus, Herrscher über den gesamten Weltkreis. So verstand sich das römische Reich. Das ganz große Bild also.
Dann – Zoom – „als Quirinius Statthalter in Syrien war“, Fokus auf den Nahen Osten.
Und weiter – Zoom – „Auch Josef ging aus Galiläa hinauf nach Bethlehem in Judäa (…), um sich mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen.“ Volkszählung in der neu einverleibten Provinz Judäa. Wozu? Natürlich um hinterher Steuern eintreiben zu können.Schließlich – Zoom – „Sie war schwanger“. Jetzt hat die Kamera direkt auf Maria geschwenkt, genauer auf ihren Bauch. Oder eben auf ihren Bauchnabel. Und – Zoom – sind wir am Nabel der Welt angekommen. Vom großen Imperium des Kaisers zum intimen Bauchnabel einer einfachen jungen Frau, die ein Kind zur Welt bringt.  Und dieses Kind erhält dann genau den Ehrentitel, der eigentlich nur dem Kaiser gilt: Retter, Heiland.

Geburt Jesus (Small)    Stefan Lochner, Geburt Christi

Spätestens jetzt darf gelacht werden. Vom Kaiser zu einem anscheinend unbedeutenden Säugling, unterwegs und unter schwierigen Umständen geboren. Ausgerechnet Hirtinnen und Hirten sind es dann auch, die diese frohe Botschaft als erste hören. Wie alle Menschen, die draußen arbeiten, gelten auch sie als unbedeutend. Doch die Engelskunde hören sie als Erste. Sie sollen sich nicht fürchten und jetzt sei Friede auf Erden. Was für eine Verspottung des großen Kriegsherren! Was für ein Kontrast! Das ist politische Satire. Der Unheilsgeschichte eines ausbeuterischen römischen Imperiums wird eine Geburtsgeschichte entgegengesetzt mit irgendwelchen Menschen aus dem „gemeinen Volk“. Umgekehrt geht es jetzt weiter, von unten ausgehend, von den Opfern, die zu Protangonisten einer neuen Erzählung gemacht werden. Es könnte zynisch klingen, denn „Friede, Friede und ist kein Friede“ (Jeremia 6,14). Aber, und das ist ja gerade der Witz dieser Geschichte, hier setzt eine andere Logik an. Die der Friedenszeichen, Liebesbekundungen, der menschlichen Nähe, der Würdigung alles Glanzlosen. Das Umdenken, das es braucht, um dieser Geschichte folgen zu können, widerspricht so massiv der herrschenden Logik, dass wir sie einfach immer weiter erzählen müssen, alle Jahre wieder.

Insofern: Witzige Weihnachten.


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