Loser Slams

Scheitern als Show – Bei den sogenannten Loser Slams berichten Gründer und Unternehmerinnen über ihre Mißerfolge.Die Veranstaltungen, die inzwischen in fast allen großen Städten in Deutschland und weltweit durchgeführt werden, heißen auch Fuckup Nights. Die erste Party dieser Art fand 2012 in Mexiko statt, inzwischen präsentieren immer mehr Menschen, weit mehr Männer als Frauen, ihre Niederlagen im Geschäftsleben. Fünfzehn Minuten dauert in der Regel eine Präsentation, die so eine Mischung aus Vortrag und Standup Comedy ist. So jedenfalls stellt es sich mir dar, wenn ich auf die Ankündigungen im Internet blicke.

                                                                                                                                                                         fuckup nights

Sich nicht für das eigene Scheitern schämen, sondern im Gegenteil, es offen legen, andere sogar damit unterhalten – eigentlich mutig und ungewöhnlich. Denn meistens gilt es doch, die eigenen Leistungen ins Rampenlicht zu stellen, sich und die eigenen (Geschäfts-)Ideen gut zu verkaufen. Doch strahlend präsentieren sie sich, in guten Anzügen, mit einem Telefonhörer in der Hand, Fliege oder nicht und wollen sagen: „Hey, Scheitern gehört zum Start Up wie der Wind zum Segeln. Trau dich und mach es mir nach. Wird schon schief gehen!“ Einer der Gescheiterten war einst mit einem Plattenlabel so erfolgreich, dass ihm der Titel „gaG“ verliehen wurde. Der Gag steht für „größer als Gott“ und er übernahm diesen Namenszusatz gerne. Muss man die Veranstaltungen dann nicht eher als neoliberale Bekehrungsveranstaltungen verstehen? Bei ihnen wird natürlich keinem fernen Gott der christlichen oder einer anderen Religion gehuldigt. Es ist eher ein Gott der Machbarkeit, des Glaubens an sich selbst, komme, was das wolle.

Peter Hartz, ja genau der, nachdem „Hartz IV“ benannt ist, hat in seinem Buch über die „Job-Revolution“ von 2001 (!) über den Neuen Menschen als „Unternehmer seines Schicksals“ geschrieben. So stellen sie sich mir dar, die Menschen bei den Fuckup Nights, als Unternehmer, die es als Schicksal ansehen, wenn sie scheitern. Es spornt sie an, das Scheitern. Wieder und wieder versuchen sie, erfolgreich zu sein. Mit jedem Scheitern lernen sie mehr, wie sie es anstellen müssen, unter den herrschenden Bedingungen zu bestehen oder gar eine Menge Geld zu machen. Jede Niederlage ist eine Etappe auf dem Weg zum Erfolg und deshalb ist sie gut. Dabei teilen sie zwar ihr Schicksal anderen mit, aber sie präsentieren es als „One-Woman-Show“ oder „One-Man-Show“. Der einzelne Mensch kann es schaffen, oder eben auch nicht.

Keine Überlegung, warum man eigentlich auf diese Art erfolgreich sein sollte oder ob die Bedingungen nicht viel zu brutal sind, unter denen man sich da zu bewähren versucht. Wie man sich wohl verändert im Zuge dieser Etappen zwischen Scheitern-Aufstehen-Neuanfang-Scheitern-Aufstehen…..

Ich meine ja auch, dass wir alle unsere Talente haben und was daraus machen sollten. Ich finde auch, dass viele noch viel mutiger sein könnten, das zu tun, was sie wirklich wollen und ersehnen. Und ich finde vor allem, dass Scheitern etwas völlig Normales ist. Trotzdem ist diese Botschaft bei den Fuckup Nights geradezu das Gegenteil von dem, was ich mit Humor gelernt habe. Scheitern sehe ich nicht als einen Teil der Anpassung an die Verhältnisse, sondern als eine Unterbrechung der Anpassung. Scheitern sollte mich nach den Strukturen fragen lassen, bevor ich mir selbst das Ungenügen vorhalte. Scheitern sollte mich zum Nachdenken darüber bringen, was ich eigentlich als Erfolg ansehe. Irgendwann kann ich dann auch wieder über mich lachen und dürfen sogar andere mit mir lachen. Weil ich wieder ein Stückchen Freiheit ergattert habe und nicht einfach so weiter funktioniere wie es anscheinend erforderlich ist. Weil ich mich nicht zu dem Neuen Menschen weiterentwickle, den das Geschäftsleben so gut gebrauchen und verbrauchen kann.

Übrigens: Die Sozialpsychologin Prof. Dr. Frigga Haug hat schon vor vielen Jahren eine treffende Analyse zu dem Buch von P.Hartz verfasst. Sie ist im Netz nachlesbar.


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